Iran - Analyse der Anlegersituation
Aktuell sorgen weltweit die militärische Auseinandersetzung der USA und Israel mit dem Iran für Schlagzeilen. Daher stellen sich viele Anleger die Frage, wie groß die Gefahr eines langen geopolitischen Konflikts und damit sein Schadenspotenzial ist?
Dämpfer für die Weltkonjunktur
Der Konflikt im Nahen Osten schürt reflexartig Ängste um Energiepreise und -versorgung sowie um das Wirtschaftswachstum. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Sperrung der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gastransporte verlaufen. Die Preise für Öl und Gas sind seit Beginn der Auseinandersetzung stark gestiegen und Katar, als weltgrößter LNG-Produzent, hat die Produktion nach Raketenangriffen gestoppt. Fast alle OPEC-Reservekapazitäten von Saudi-Arabien, Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar sind blockiert.
Asien und Europa besonders betroffen
Da mehr als 80 Prozent der Öllieferungen aus der Golfregion die asiatischen Destinationen ansteuern, ist diese Region von der Eskalation besonders betroffen. Aber aufgrund mangelnder Vorkommen und Vorräte bekommt Europa ebenfalls den sprunghaften Anstieg der Energiepreise zu spüren. Für die US-Wirtschaft hingegen sind die Konjunkturfolgen marginal, da die USA mittlerweile weltweit der größte Ölproduzent ist und daher deutlich weniger von Importen abhängig ist, als zu Zeiten des Ölpreisschocks in den 1970er Jahren. Diese relative Stärke spiegelt sich ebenfalls in einem neuerlich anziehenden Dollar wieder, in welchen sich Anleger in Krisen ohnehin gerne flüchten.
Wie lange wird der Konflikt dauern?
Vieles spricht dafür, dass der Konflikt sich nur über eine kurze Zeitdauer erstreckt. Denn Israel und die USA werden ihre Angriffe nur so lange fortsetzen, bis die iranischen Raketenbestände zerstört sind und die Nuklearfähigkeit des Landes nicht mehr möglich ist. Auch haben die Iraner Kenntnis davon, dass Trump ein langanhaltender Anstieg der Energiepreise durch brüchige Öllieferketten bei den Zwischenwahlen im November schaden wird. Ihm ist bewusst, die US-Bevölkerung ist kriegsmüde. Des Weiteren hat er im Wahlkampf zugesichert, eine kritische Distanz zu Konflikten auf der Welt einzunehmen, weswegen er letztlich auch gewählt wurde.
Der in diesem Zusammenhang von Donald Trump in Aussicht gestellte Geleitschutz durch die US-Marine sowie einen Versicherungsschutz für den grenzenlosen Schiffsverkehr im Nadelöhr von Hormus, stellen wohlklingende Absichtsbekundungen dar; stoßen aber bei Reedereien und dem Ölmarkt auf große Skepsis. Für ungehinderte Energieströme braucht es komplette militärische Deeskalation, denn niemand schickt Schiffe in ein Kampfgebiet.
Zerstörung der wichtigsten Einnahmequelle
Der Iran zerstört zudem seine wichtigste Einnahmequelle mit der Sperrung der Lieferwege und stößt damit auch seinem größten Energieimporteur China vor den Kopf. Peking missfällt, dass die USA wieder mehr Energiedominanz an den Weltmärkten erlangen kann und wird deshalb auf Teheran Druck ausüben weniger konfrontativ zu sein. Sobald das durch den Tod des geistlichen Oberhauptes Ajatollah Ali Chamenei entstandene Machtvakuum in Teheran gefüllt ist und die militärische Unterlegenheit des Irans wächst, wird die iranische Verhandlungsbereitschaft zunehmen. Entsprechende Gerüchte machen bereits die Runde.
Abermals funktionierende Energielieferketten werden auch in Washington zu mehr Entgegenkommen führen, zumal der Konflikt in den USA mehrheitlich Ablehnung findet. Der Präsident kann sich mit militärischer Zielerreichung brüsten und auch China hätte seinen Verbündeten Iran nicht ganz verloren.
Was passiert mit den Ölpreisen?
Aufgrund der Risiken im Nahen Osten bleibt Rohöl zunächst sehr gefragt und Spekulationen am Terminmarkt befeuern diese Aufwärtsbewegung. Stabilisiert sich die Lage und die Straße von Hormus wird wieder durchlässiger, tritt die fundamentale Überversorgung am Markt erneut in den
Vordergrund. Zudem wollen einige OPEC+ Staaten ihre Produktion in den kommenden Monaten stärker ausweiten als bislang geplant. Vermutlich wird daher der Preis für das Barrel Rohöl weit unter die 100-Dollar-Marke sinken.
Aktuelle Situation an den Finanzmärkten
Die wirtschaftliche Unsicherheit und die damit verbundenen Kursschwankungen bleiben bestehen, solange Nachrichten zum Krieg im Iran die Live-Ticker dominieren. Sobald die Flut an Negativmeldungen abebbt, werden Investoren neuerlich zurück an die Aktienmärkte kommen. Mittlerweile sind Anleger über Absicherungen am Terminmarkt auch für weitere Störmanöver im Nahen Osten gewappnet. Bei Kurserholung müssen Anleger die eingegangenen Absicherungspositionen auflösen, was einer Rallye Impulse verleiht.
Pessimisten laufen zu Höchstform auf
Die Pessimisten und notorischen Schwarzseher laufen aktuell wieder zu Höchstform auf indem sie das Ende der Kapitalmärkte herbei sehen. Parallelen u.a. zur Dotcom-Krise, Lehmann Brothers, Chinakrise, Corona, Trumps Zollpolitik etc. sind unübersehbar. Der Konflikt im Nahen Osten wird nicht über Nacht enden, was zwischenzeitlich zu Irritationen in puncto Sicherheitslage, Wachstum, Ölpreis- und Versorgung führen kann. Nach nahezu fünf Jahrzehnten Diktatur im Iran ist es nur schwer realisierbar den Schalter Richtung Freiheit umzulegen und damit drängt sich die Frage auf wem wird es gelingen die neue Regierung zu bilden.
Politische Börsen haben kurze Beine
Die Börsengeschichte lehrt, Panik ist immer der schlechteste Ratgeber und bei aller Krisenhaftigkeit gilt als erste Anlegerpflicht Ruhe zu bewahren. Tatsächlich haben sich die im vorhergehenden Absatz erwähnten Krisen im Nachhinein als überschaubar dargestellt. Das spricht mindestens für die Fortsetzung bzw. den Beginn neuer Ansparpläne hinsichtlich Aktien- oder Mischfonds. Es bleibt zu hoffen, dass der Konflikt im Iran möglichst bald endet, damit die Welt und auch das Land selbst wirtschaftlich als Energielieferant wieder aufatmen kann und sich an den Finanzmärkten einmal mehr die alte Börsenweisheit bewahrheitet: „Politische Börsen haben kurze Beine."