Vorsicht bei diesen Phrasen im Arbeitszeugnis
Die Angaben in einem Arbeitszeugnis sollen objektiv sein und der Wahrheit entsprechen. Doch im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich in der Praxis kodierte Formulierungen etabliert, die zwar auf den ersten Blick positiv klingen, bei genauerem Lesen jedoch kritische Hinweise beinhalten. Für den Bewerbenden können diese Feinheiten bei der Stellensuche entscheidend sein; für den Personalreferenten oder Chef einer Firma liefern sie wertvolle Zusatzinformationen.
Arbeitszeugnisse teilen selten mit, was sie wirklich meinen
In einem qualifizierten Arbeitszeugnis ist offene Kritik rechtlich kaum zulässig, daher müssen negative Beurteilungen indirekt verfasst werden. Das Ergebnis ist eine eigene Zeugnissprache in der Kleinigkeiten, Adjektive und Auslassungen häufig mehr bedeuten und aussagen als ganze Absätze. Als Grundregel gilt, je passiver, einschränkender und allgemeiner eine Aussage formuliert ist, desto größer ist das Warnsignal.
Kritisch zu lesen sind folgende Phrasen:
1) "Er/Sie erledigte die Aufgaben selbstständig"
Was klar und verständlich klingt, ist in Realität jedoch neutral bis negativ zu bewerten. Denn Selbstständigkeit ist keine besondere Leistung, sondern eine Grundanforderung an einen Mitarbeiter. Fehlen im Arbeitszeugnis also zusätzliche Angaben zu Verantwortungsübernahme, Eigeninitiative und Problemlösungskompetenz deutet dies signifikant auf einen begrenzten Handlungsspielraum hin.
2) "Er/Sie arbeitete mit Engagement und Interesse"
Ein engagiertes Verhalten suggeriert zunächst etwas Positives, sagt allerdings nichts über erzielte Ergebnisse oder Wirkung aus. Fehlen konkrete Leistungsbeschreibungen, kann dies auf Aktivität ohne messbaren Output hindeuten. Besagte Wortwahl ist also ein deutliches Indiz nach dem Motto: hoher Einsatz, aber keine hinreichenden Resultate.
3) "Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war einwandfrei"
Bei dieser Aussage ist die begrenzte Aufzählung auffallend, d. h. Kunden, Stakeholder oder externe Partner wurden nicht gesondert erwähnt. Hier spricht einiges dafür, dass es außerhalb des internen Teams Schwierigkeiten gab. Besonders kritisch ist zudem, wenn das Sozialverhalten insgesamt nur sehr knapp bewertet wird.
4) "Er/Sie erledigte die ihm/ihr übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit"
Diese Formulierung wirkt auf den ersten Blick solide, entspricht jedoch maximal der Schulnote befriedigend. Prekär ist es vor allem dann, wenn eine nachfolgende Steigerung ("stets, "vollsten") fehlt und das Zeugnis darüber hinaus eher kurzgefasst wird. Konkret bedeutet diese Aussage, dass eine durchschnittliche Leistung ohne erkennbare Entwicklung oder besonderen Mehrwert zu erwarten ist.
5) "Er/Sie zeigte Verständnis für seine/ihre Aufgaben"
Hier geht es nur um das Verständnis, nicht um die tatsächliche Leistung. Die Ausdrucksweise deutet eher auf theoretisches Wissen als auf eine überzeugende Umsetzung hin. Die Kernaussage dahinter ist, die Person wusste zwar was zu tun gewesen wäre, hat es jedoch nicht in der gewünschten Qualität umgesetzt.
6) "Er/Sie war bemüht, den Anforderungen stets gerecht zu werden"
Einer der Klassiker unter den kritischen Zeugnis-Phrasen. Das Wort "bemüht" wird in der Zeugnissprache als negative Auslegung verwendet und besagt, dass die Anforderungen nicht erfüllt wurden.
Schlusssatz gilt als starkes Indiz
Gerade der Schlusssatz gilt als starkes Indiz für die tatsächliche Gesamtbewertung. Nicht nur die Formulierungen im Arbeitszeugnis selbst sind aufschlussreich, sondern auch wenn nachfolgende Merkmale fehlen:
- keine Bewertung der Leistungsqualität
- kein Dank für die Zusammenarbeit
- kein Bedauern über das Ausscheiden
- keine guten Wünsche für die Zukunft
Was bedeutet das Arbeitszeugnis für den potentiellen neuen Arbeitgeber?
Das Arbeitszeugnis darf niemals isoliert betrachtet und bewertet werden. Es eignet sich allerdings hervorragend dazu, um gezielte Rückfragen im Vorstellungsgespräch vorzubereiten, blinde Flecken im glatten Lebenslauf aufzudecken und Widersprüche zwischen Zeugnis und Selbstbeschreibung zu erkennen. Wenn die Wortwahl eher ausweichend und vage ausfällt, empfiehlt sich eine offene und wertschätzende Nachfrage, jedoch keine vorschnelle Interpretation.
Freundlich formuliert heißt nicht gleich positiv gemeint
Ein Arbeitszeugnis ist kein objektiver Leistungsbericht, sondern ein interpretationsbedürftiges Dokument. Wer es richtig liest erkennt zwischen den Zeilen wertvolle Hinweise zu Verhalten und Leistung eines Bewerbers für eine Arbeitsstelle.